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Jüdisches Leben in Korbach: Verschleppt und ausgelöscht

Direkt neben dem Rathaus befand sich die Eisenwarenhandlung der Mosheims (rechts). Die Professor-Kümmell-Straße galt auch als "Jerusalemer Landstraße". Eine Tafel erinnert seit wenigen Jahren an die vertriebene jüdische Familie. (Foto: Archiv Werner Stahl) Direkt neben dem Rathaus befand sich die Eisenwarenhandlung der Mosheims (rechts). Die Professor-Kümmell-Straße galt auch als "Jerusalemer Landstraße". Eine Tafel erinnert seit wenigen Jahren an die vertriebene jüdische Familie. (Foto: Archiv Werner Stahl)

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KORBACH. Am 9. November 2013 jährt sich die Pogromnacht zum 75. Mal. Aus diesem Anlass zeichnet hanseportal-korbach.de das jüdische Leben, das durch die Jahre vernichtet wurde und doch eigentlich fest zur Stadt gehörte, nach. Eine Zeitzeugin erinnert sich.

1942 ist alles vorbei. 180 Jahre lang hatten Christen und Juden miteinander in Korbach gelebt, sich aneinander gewöhnt, sich angefreundet und auch mal angefeindet. Doch der Schnitt, der im Jahr Neun nach dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft kommt, kennt keinen geschichtlichen Vergleich. Familien werden ausgelöscht, soziale Verbände zerstört und Freundschaften kaputt gemacht. Die heute 87-jährige Marianne Heinemann aus Korbach besucht in den 30er-Jahren die Höhere Töchterschule. In ihrer Klasse: Ruth Lebensbaum.

Dass das kleine Mädchen jüdischen Glaubens war, habe in der Schule zunächst keine Rolle gespielt, erinnert sich die Korbacherin heute. Die tiefschwarzen Haare mögen die Kinder zum Hänseln angeregt haben, aber Beschimpfungen der Art „Judenschwein“, wie sie später alltäglich werden sollten, kamen nicht vor. „Ruth war normal integriert“, so die patente 85-Jährige. Beim gemeinsamen Spielen und Lernen spielte es keine Rolle, ob jemand katholischen, evangelischen oder jüdischen Glaubens war.

1933 beginnen die Schikanen

Zur Familie Lebensbaum gehören neben Ruth noch die vier Jahre jüngere Schwester „Trautchen“ sowie die Eltern Bernhard und Therese. In der Hagenstraße 12 wohnt die Familie und nimmt am Leben in der Stadt teil. Doch bereits 1933 beginnen die Schikanen. Der Vater wird 1934 aus dem Staatsdienst als Postbeamter entlassen. Das ist erst der Anfang; es soll noch acht Jahre dauern, bis die Familie aus Korbach verschleppt wird.

Doch der Ton wird bereits Anfang der 30er rauer. „Der Vater wurde oft angeschrien. ‚Lebensbaum, pack deine Sachen, du hast hier nichts verloren‘, schrien die Nazis“, weiß die Zeitzeugin zu berichten.

Auch in der Schule ändert sich der Ton. Der neue Lehrer hat die nationalsozialistische Ideologie verinnerlicht und gibt fortan den Ton an. „Er war ein schrecklicher Typ“, schaudert es Marianne Heinemann noch heute. Das, was der Pädagoge und die übrigen „Kämpfer für die nationalsozialistische Sache“ von sich geben, trifft aber auf wenig Widerstand. Auch die jüdische Bevölkerung versucht, sich zu arrangieren. Einige Familien wandern aus. Doch viele bleiben – auch die Lebensbaums, für die das Leben in Korbach zur ständigen Schikane geworden ist. Gehisste Hakenkreuzflaggen und Davidssterne, die die Juden auf ihrer Kleidung stigmatisieren, bestimmen das Straßenbild.


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Letzte Änderung amMittwoch, 12 Februar 2014 23:25
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