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Wie die Finanzämter dabei halfen, Juden auszuplündern und zu entmenschlichen

KORBACH. Alles offiziell und legal, aber völlig ohne Moral: Beklemmend waren die Einblicke, die Gundi Mohr und Bruno Pelz boten. Sie stellten eindringlich dar, wie der Verwaltungsapparat im NS-System tadellos funktionierte und den Verstand ausschaltete.

 

Es sollte ein besonderer Abend im großen Saal des Finanzamtes Korbach werden, der Einblicke in die nationalsozialistische Welt und deren bürokratische Vollstrecker ermöglichte. Wie konnte es dazu kommen, dass in Waldeck-Frankenberg und dem Rest des "Dritten Reiches" Juden erst schikaniert, dann ausgegrenzt und schließlich ausgelöscht wurden? Und warum stand kaum jemand auf, protestierte öffentlich und folgte nicht länger dem "Führerprinzip"?  

Die Fragen ließen sich gestern nicht ohne Weiteres beantworten. Doch der Schrecken über die Möglichkeiten, Menschen und Ämter zu manipulieren, umzupolen und bei ihnen den Sinn für die Würde des Menschen auszuschalten, war spürbar. Besonderer Blickpunkt war die Rolle, die die Finanzämter spielten.

Gundi Mohr ist Finanzbeamtin aus Frankfurt. Sie führte die rund 50 Zuhörer in zwei Stunden durch menschliche Abgründe, die durch eigens geschaffene Gesetze legal wurden. Das konnte bei allen Beteiligten nicht ohne tiefes Schlucken, ungläubige Blicke und manche Träne vonstatten gehen. 

Durch die "Machtergreifung" hätten die Nationalsozialisten 1933 die Gewaltenteilung außer Kraft gesetzt, berichtete die stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins "Fritz Bauer". Gemeinsam mit dem Hessischen Rundfunk stellte das Institut die Wanderausstellung "Legalisierter Raub" auf die Beine, die im Bonhage-Museum und im Finanzamt zu sehen ist. 

Schnell schufen die Machthaber eine legale Grundlage für das, was folgen sollte. Das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", an sich bereits ein Euphemismus, ebnete 1933 den Weg für die Verdrängung der Juden aus ihren Berufen. Die "Reichsfluchtsteuer" spülte ein Viertel des jüdischen Vermögens in die Staatskasse. Die "Judenvermögensabgabe", erlassen im ersten Kriegsjahr, bildete den Höhepunkt der Demütigung: Juden mussten die Schäden, die vor, in und nach der Reichspogromnacht angerichtet worden waren, auf eigene Kosten beheben. Zwei Milliarden Mark eignete sich der Fiskus vollkommen legal an. "Alle Gesetze sollten nach der NS- Weltanschauung ausgelegt werden – und alles funktionierte auch im Sinne der Machthaber", so Gundi Mohr. 

Bruno Pelz vertrat den erkrankten Helge Heynold vom Hessischen Rundfunk. Er las begleitend aus Originaldokumenten aus den 30er- und 40er- Jahren vor. Pointiert arbeitete er die Wucht und die vermeintliche Belanglosigkeit der amtlichen Schreiben heraus. "Es wird Ihnen hiermit eröffnet, dass Sie innerhalb von drei Stunden Ihre Wohnung zu verlassen haben. Zum Zwecke der Abschiebung werden Sie und Ihre Familienangehörigen vorläufig festgenommen und in ein Sammellager gebracht. Ihre Schlüssel haben Sie beim Verlassen der Wohnung dem beauftragten Beamten zu übergeben." Es war das Schreiben, mit dem wohl auch die Korbacher Juden 1943 in ihr Verderben, sprich in die Konzentrationslager, geschickt wurden.  

Die Begrüßung hatte "Hausherr" Ralf Langguth übernommen. "Der Horror ist heute Abend greifbar", stellte er klar. "Vordergründig waren die Verwaltungsakte legal. Sie wurden wie normale Schriftstücke behandelt." Auch flehende Briefe der Opfer hätten daran nichts ändern können. Ein abschließendes Beispiel von Bruno Pelz war ein Brief von Bernhard Lebensbaum, geboren 1893, an Leopold Mosbach, den Sohn des jüdischen Ehepaars Hedwig und Edmund Mosheim aus Korbach. Er schrieb im Dezember 1945: "Die alten Leute starben ziemlich rasch hintereinander. Alfred und Siegfried Kaufmann sind außer uns die Einzigen, welche von den Korbachern zurückgekommen sind."

Letzte Änderung amDonnerstag, 16 Januar 2014 16:04
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