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Korbacher Geschichten: "Der Mord am Fuhrmann"

Die Straße "Auf Lülingskreuz" ist nach Henne Lüling, dem Spatzenfreund, benannt. (Foto: Dennis Schmidt) Die Straße "Auf Lülingskreuz" ist nach Henne Lüling, dem Spatzenfreund, benannt. (Foto: Dennis Schmidt)

KORBACH. In der Hansestadt verstecken sich zahlreiche Sagen und Geschichten aus früherer Zeit – Hanseportal Korbach lässt sie neu aufleben. Diese Woche: "Der Mord am Fuhrmann".

"Reiten und Rauben, das ist keine Schande, das tun die Edelsten im Lande". Das war vor 600 Jahren der Wahlspruch vieler edler Herren. Damals stieg das Bürgertum zu Macht und Ansehen empor, während an die Stelle des verfallenden Rittertums die Raubritter traten. Sie waren eine Landplage und stete Gefahr für Bauern und Handelsherren. Der Schlimmste von allen war ein Herr von Scharfenberg, der unter dem Namen "Eisenhans" gefürchtet war.

Meilenweit kam er mit seinen Knappen von seiner Burg auf dem Scharfenberge geritten und machte alle Wege unsicher. So waren auch die Fuhrleute wohl auf ihrer Hut. Zur Zeit der Messen und Märkte schlossen sie sich meist in großer Zahl zu gemeinsamem Zuge zusammen. Einer aber kannte keine Gefahr trotz aller Not der Zeit, sondern war immer furchtlos allein ausgezogen: der Korbacher Fuhrmann Henne Lüling.

Der kleine Henne Lüling

Alle Welt kannte den kleinen Kerl mit dem struppigen grauen Barte, der wie ein Kranz sein rundes, gutmütiges Gesicht umrahmte. Immer sah man ihn im blauen Kittel mit breitem Ledergurt; immer trug er ein rotes wollenes Halstuch, Pelzkappe und Stulpenstiefel. Weit und breit war Henne Lüling beliebt und wohlgelitten. Vor allem war er der treue Freund aller Kinder und Tiere. Wo er sich zeigte, waren seine Lieblinge nicht fern, Finken und Ammen und ganze Scharen von Lülingen, Sperlingsschwärme, die ihm auf allen Landstraßen von Baum zu Baum folgten.

Wieder einmal war Henne Lüling auf der Heimfahrt von der Twister Mühle. Aber auch der Eisenhans war wieder einmal unterwegs. Am Kampe hatte er auf der Lauer gelegen. Ein Geleitzug war aber glücklich vorübergekommen. Nun sollte der erste beste seinen Unmut spüren. Schon hatte Henne Lüling die Höhe fast gewonnen und freute sich, als ihm die beiden Turmspitzen von Korbach ein Willkommen winkten. Da kam der Eisenhans mit seinen Knappen herangebraust und fiel seinen Pferden in die Zügel. Wohl setzte der mutige Fuhrmann sich wacker zur Wehr; aber gegen die Übermacht war er bald verloren. Als das Abendrot über den Himmel zog, lag Henne Lüling erschlagen am Wege.

Ächtung für den Scharfenberger

Henne Lülings schlimmes Geschick weckte überall Mitleid. Am meisten aber betrauerten ihn seine Lieblinge, die Lülinge, die Spatzen, die fortan vergebens auf ihren Freund und seine milden Gaben harrten. Den Überfall des Scharfenbergers hatte der Türmer von Sankt Kilian gesehen und durch Hornruf verkündet. Wohl hatte sich eine Reiterschar aufgemacht, um dem Eisenhans nachzusetzen, er war aber entkommen. So wurde denn der Herr von Scharfenberg nach Korbach vor die heilige Feme geladen, die bald nachher vor dem Enser Tore unter der Linde stattfand. Da er nicht erschien, um sich zu verantworten, wurde er verfemt und geächtet, wurde rechtlos und friedlos.

Als Bauer verkleidet war der Scharfenberger heimlich am Tage des Freigerichts in Korbach in der Nähe gewesen und hatte, als er sich wider Erwarten erkannt sah, in höchster Not im Mönchhof Zuflucht gefunden. Nach Jahr und Tag fand man ihn erhängt an einem Weidenbaume bei Erlheim. Im Stamme der Weide aber steckte ein Dolch mit der heimlichen Losung der Freischöffen.

Vier Ellen hohes Steinkreuz

Seinen Erben wurde aufgegeben, für Henne Lüling ein Sühnekreuz an der Mordstelle zu errichten und den Angehörigen des Fuhrmanns so viel Korn anfahren zu lassen, bis das vier Ellen hohe Steinkreuz bedeckt wäre. Ein schweres Fuder reichte nicht hin, um das Kreuz zu verschütten; aber kaum war der leere Wagen fortgefahren, um den Rest herbeizuschaffen, da kamen Scharen von Lülingen und machten sich lärmend über die Körner her. Als der volle Wagen wiederkam, ragte das Kreuz schon wieder halb über den Kornhaufen hervor, und man musste noch eine neue Ladung heranholen, ehe es völlig verschwunden war.

Wohl ist der alte Mordstein längst verwittert und verfallen, aber noch heute heißt die Stätte: "Lülingskreuz".

Letzte Änderung amMittwoch, 07 Oktober 2015 11:07
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