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Korbacher Geschichten: "Das Findelkind vom Tränketor"

Bei der Padberger Fehde trafen Korbacher und Padberger im 15. Jahrhundert immer wieder aufeinander. (Foto: Dennis Schmidt) Bei der Padberger Fehde trafen Korbacher und Padberger im 15. Jahrhundert immer wieder aufeinander. (Foto: Dennis Schmidt)

KORBACH. In der Hansestadt verstecken sich zahlreiche Sagen und Geschichten aus früherer Zeit – Hanseportal Korbach lässt sie neu aufleben. Diese Woche: "Das Findelkind vom Tränketor". 

Es war schon dunkel, als der Torwächter des Tränketors hinausging, um nach dem Rechten zu sehen und das Tor für die Nacht zu schließen. Plötzlich hörte er ein Wimmern und Weinen. Da er verantwortlich war für die Ordnung am Tor, ging er noch einmal ins Torhaus, wo er mit seiner Frau wohnte, und holte eine Laterne. Aber er konnte in der Dunkelheit nichts erkennen.

Da meinte er, das Weinen käme von der kleinen Insel im Tränketeich. Am Ufer lag ein kleines Boot, mit dem fuhr er hinüber zur Insel. Er merkte schon, dass er dem Weinen näher kam und als er am anderen Ufer anlegte, sah er ein kleines Menschlein im Schilf liegen, zitternd und voller Angst. Vorsichtig hob es der Torwächter auf und brachte es nach Hause.

Seine Frau nahm ihm das Kind ab, zog ihm die nassen Kleider aus, badete es und legte es in ihr Bett. Es war ein kleines Mädchen, das der Torwächter aus dem Schilf gerettet hatte. Seine Kleider waren kostbar und es hatte ein wertvolles Armband bei sich. Aber woher kam das Kind? Es konnte ja nicht allein unterwegs sein. Und ein Korbacher Kind war es nicht, die kannte der Torwächter alle.

Agnes kommt zum Torwächter

So rief er zehn Stadtknechte zusammen, und mit Fackeln und Stöcken suchte sie das Ufer am Teich ab. Da entdeckten sie eine toten Mann. Er war erschlagen und ausgeraubt worden. An seinen Kleidern erkannten sie, dass es ein Reiter war, aber ein Pferd sahen sie nicht. In den nächsten Tagen fanden Nachforschungen statt, aber ohne dass man klären konnte, wer das Mädchen und der Reiter waren. Weil der Torwächter und seine Frau keine eigenen Kinder hatten, behielten sie das gefundene Kind und nannten es Agnes. Das Mädchen fühlte sich schnell zu Hause, wurde ein fröhliches Kind, und die Eltern hatten viel Freude an ihm.

Als Agnes eines Tages in der Nähe des Tores spielte, kam der Herr von Tylen, ein reicher Korbacher Bürger, mit seiner Tochter Eva auf einem Spaziergang am Tor vorbei. Sein Blick fiel auf das Findelkind vom Tränketor, und irgendwas in den Bewegungen und in dem freundlichen Gesicht berührte ihn.

Er sprach mit dem Torwächter du bat ihn und seine Frau, Agnes mit seiner Tochter Eva unterrichten zu lassen. Das erlaubten die beiden gern, denn der Unterricht war für sie zu teuer. So verbrachte Agnes viele Stunden im Hause der Familie non Tylen. Die beiden Mädchen waren etwa gleich alt. Sie verstanden sich gut und hatten sich so lieb wie Schwestern.

Die Jahre vergingen. Inzwischen wusste auch Herr von Tylen, was ihn bei seiner ersten Begegnung mit Agnes so berührt hatte: Sie erinnerte ihn ganz stark an seine Schwester, die als junge Frau einen Ritter geheiratet hatte und mit dem sie an den kaiserlichen Hof gezogen war.Herr von Tylen hatte nie mehr etwas von seiner Schwester gehört.

Turnier auf der Stechbahn beim Reginentag

Zu den Korbacher Festen gehörte der Reginentag. An diesem Tag wurde der Sieg der Korbacher über die Herren von Padberg gefeiert. Der Höhepunkt dieses Festes war ein Turnier. Auf der Stechbahn waren zu beiden Seiten Tribünen aufgebaut. Hier saßen die Korbacher Bürger, Adelige, Kaufleute und reiche Handwerker; und sahen den acht Rittern zu, die sich zum Kampf stellten. Dem Sieger sollte Eva am Schluss den Preis überreichen. Agnes hätte auch gern dem Turnier zugeschaut, doch da sie nicht zu den Reichen von Korbach gehörte, ja, sogar nur ein Findelkind war, hatte sie keine Chance. Doch Eva hatte eine Idee: Sie wollte Agnes als ihre Dienerin mitnehmen. Dagegen konnte keiner etwas sagen.

Was gab es eine Aufregung im Haus am Tränketor! Die Mutter musste Agnes noch schnell ein Kleid nähen, damit sie auch festlich aussah. Dabei fiel ihr das kostbare Armband ein, das Agnes in einem Täschchen bei sich hatte, als der Vater sie am Tränketeich fand. Das holte sie aus der Truhe und legte es ihr um den Arm. Es sah wunderschön aus. So ging Agnes an der Seite von Eva zur Ehrentribüne. Unter den Rittern, die zum Kampf angetreten waren, war auch der Eidinghäuser, von dem viel Böses erzählt wurde. Aber nie konnte man ihm etwas beweisen, denn er war stark und schlau.

Das zeigte er auch bei diesem Turnier. Immer wieder trieb er sein Pferd auf den Gegner und mit einer schnellen Drehung stieß er ihn aus dem Sattel. Gerade hatte er Christian von Engern besiegt und als letzter Ritter stand sein Bruder Wolf dem Ritter von Eidinghausen gegenüber.

Es wurde ein erbitterter Kampf. Doch diesmal konnte der Eidinghäuser angreifen wie er wollte. Wolf von Engern fing den Stoß ab. Am Ende war er der Sieger. Der Eidinghäuser war vom Pferd gestürzt und konnte nicht mehr allein aufstehen. Evas Vater trat herzu, um dem Eidinghäuser zu helfen. Da sah er an dessen Arm ein Armband, das er nur zu gut kannte: Vor vielen Jahren hatte er zwei Armbänder aus Venedig mitgebracht, die er seiner Schwester und ihrem Mann zur Hochzeit schenkte. Es gab keinen Zweifel: der Eidinghäuser trug dieses Armband. Und im nächsten Moment sah Herr von Tylen an Agnes Arm das zweite.

Der böse Ritter aus Eidinghausen

Er schrie sie zornig an und fragte, woher sie den Schmuck habe. Da erzählte Agnes, wie die Mutter das Armband mit den Kinderkleidern in der Truhe aufbewahrt hatte und dass sie es beim Turnier zu ersten mal trug. Nun glaubte man, den Eidinghäuser des Mordes und Raubes überführen zu können. Er sollte gestehen, dass er damals am Tränketeich den Reiter getötet und ausgeraubt hatte. Doch der Eidinghäuser sagte, er habe das Armband von einem durchreisenden Ritter gekauft. Alle wussten, dass das gelogen war, aber keiner konnte es beweisen.

Für Herr von Tylen war nun klar, dass Agnes das Kind seiner Schwester und somit Evas Kusine war. Die Brüder von Engern kamen seit dem Turnier oft in das Haus von Tylen, und noch ehe ein Jahr vergangen war, gab es Doppelhochzeit: Wolf holte Agnes auf sein Schloss und Christian heiratete Eva und zog in das Tylensche Haus.

Als das Torwächterpaar alt geworden war, holte Agnes sie zu sich auf das Schloss und pflegte sie fürsorglich bis zu ihrem Tod.

Letzte Änderung amMittwoch, 07 Oktober 2015 11:07
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