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Korbacher Geschichten: "Das Christkindwiegen"

Das Christkindwiegen in Korbach ist jedes Jahr an Weihnachten ein Spektakel in Korbach. (Foto: Dennis Schmidt) Das Christkindwiegen in Korbach ist jedes Jahr an Weihnachten ein Spektakel in Korbach. (Foto: Dennis Schmidt)

KORBACH. In der Hansestadt verstecken sich zahlreiche Sagen und Geschichten aus früherer Zeit – Hanseportal Korbach lässt sie neu aufleben. Diese Woche: "Das Christkindwiegen".

Es war der 24. Dezember. Nach Jahren der Wanderschaft kam Henner zurück in seine Heimatstadt Korbach. Er freute sich auf das Wiedersehen mit seinen Pflegeeltern und Maria, ihrer Tochter. Sie wohnten im Küsterhaus neben der Kilianskirche. Mit ihnen wollte er wie früher Weihnachten feiern.

Doch seine Freude war schnell vorbei als er hörte, dass in der Zeit, in der er unterwegs war, tausende Soldaten die Stadt überfallen, geraubt und geplündert hatten. Hunger und Not waren zurückgeblieben. Am schlimmsten wütete die ansteckende Krankheit, an der schon viele Menschen gestorben waren. In allen Häusern lagen Kranke. Das Kloster reichte als Hospital nicht aus, deshalb brachte man sie in die Kilianskirche. Hier lagen verwundete Soldaten neben kranken Korbacher Männern, Frauen und Kindern.

Kein Platz für das Christkind

Die wenigen gesunden Menschen hatten rund um die Uhr zu tun, um die Patienten zu säubern und zu verbinden, ihnen Essen zu bringen und sie zu füttern. Der Küster war auch an der Krankheit gestorben, und Maria lag im Fieber und erkannte Henner nicht.

Er setzte sich zu ihr ans Bett und sprach sie an: "Maria, kennst du mich? Ich bin zurückgekommen wie ich es versprochen habe – es ist Weihnachten." Da öffnete die Kranke ihre Augen und flüsterte: "Weihnachten. Da will das Christkind kommen, aber wir wollen ihm keinen Platz geben. In der Kirche kann es nicht bleiben, da ist so viel Blut, so viel Schreien und Stöhnen! Aber wenn wir nicht in die Kirche können, kommt das Christkind nicht zu uns, und wir brauchen es doch gerade jetzt so nötig. Schaff du ihm eine Wiege, sonst müssen wir alle sterben."

Sie sank erschöpft auf das Kissen zurück. Henner strich ihr beruhigend über die Wange und sagte: "Das Christkind soll sein Bett haben. Ich werde ihm eine Wiege schaffen, damit es heute Abend kommt."

Er wusste aber nicht wie er helfen sollte und trat traurig und ratlos vor das Haus. Es begann bereits, dämmrig zu werden. Im stummen Gebet bat er Gott, ihm einen Weg zu zeigen, wie er dem Christkind ein Bett bereiten könne.

Die Dohle weist den Weg zum Christkindwiegen

Da erklang ein Dohlenschrei vom Turm, und als Henner nach oben blickte, sah er eine Sternschnuppe, die sich vom Himmel löste und in den Abend fiel. Plötzlich wusste er, was er zu tun hatte. Jedes Jahr waren die Menschen am Weihnachtsabend mit Laternen in den Gottesdienst gekommen. Die Lichter, die sich durch das Gehen hin und her bewegten, sahen aus wie ein leuchtendes Wiegen. Und wenn sie in diesem Jahr wegen der Kranken nicht in die Kirche konnten, dann mussten sie eben hinauf auf den Turm.

Schnell lief Henner in das Nachbarhaus und erzählte seinen Plan. In Windeseile wurden alle gesunden Männer zusammengeholt. Es war schon dunkel, als sie die steile Treppe empor stiegen. Sie trugen ihre Laternen und Fackeln an langen Stangen herauf. Wie ein leuchtender Kranz legten sie sich um den Turm und schwangen auf und nieder, auf und nieder, so, wie eine Wiege schwingt. Dazu sangen die Männer:

"Dies ist der Tag, den Gott gemacht; sein werd ́ in aller Welt gedacht; ihn preise, was durch Jesus Christ; im Himmel und auf Erden ist."

Es heißt, dass seit dem Weihnachtsabend keiner mehr an dieser Seuche gestorben ist und dass das neue Jahr nur Genesende sah. Die Menschen in Korbach versprachen, von nun an jedes Jahr Weihnachten dem Christkind auf der Höhe des Turms ein feierliches Wiegenfest zu bereiten.

Letzte Änderung amDonnerstag, 24 Dezember 2015 12:01
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