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Korbacher Geschichten: "Die weiße Frau"

"Die weiße Frau" soll im Schwalenstöcker'schen Haus in Korbach ihr Unwesen treiben. (Foto: Dennis Schmidt) "Die weiße Frau" soll im Schwalenstöcker'schen Haus in Korbach ihr Unwesen treiben. (Foto: Dennis Schmidt)

KORBACH. In der Hansestadt verstecken sich zahlreiche Sagen und Geschichten aus früherer Zeit – Hanseportal Korbach lässt sie neu aufleben. Diese Woche: "Die weiße Frau".

Vor vielen hundert Jahren lebte in dem großen Haus im Katthagen, es wird heute das Schwalenstöckersche Haus genannt, ein reicher Kaufmann mit seiner Frau. Der Kaufmann war in der Stadt hoch angesehen und auch seine Frau, die viel Gutes für die Armen tat. Doch all sein Geld hätte der Kaufmann hergegeben, hätte er doch nur einen Sohn oder eine Tochter gehabt. Seine herzensgute Frau betete jeden Tag um ein Kind, doch die Ehe blieb kinderlos und die Verwandten freuten sich schon auf das große Erbe, das ihnen einmal zufallen würde.

Nach langer Zeit wurden die Gebete der Eheleute endlich erhört und die Frau gebar ihrem Mann einen Sohn. Doch schon wenige Tage nach der Geburt starb die Frau an einem heftigen Fieber. Der Mann verfiel in tiefe Trauer und wäre wahrscheinlich ins Kloster gegangen, hätte er jetzt nicht einen Sohn gehabt.

Nach langen Jahren heiratete der Kaufmann wieder, um seinem Kind eine neue Mutter zu geben. Die neue Frau des Kaufmanns war stolz und hübsch anzusehen, doch in ihrer Seele böse und habgierig. Sie hatte ein vierjähriges Kind mit in die Ehe gebracht und hätte gern gesehen, wenn dieses eines Tages all den Reichtum erben könnte.

Daher sann sie darüber nach, wie sie den Sohn des Kaufmanns beseitigen könnte. So geschah es denn, als der Kaufmann einmal für längere Zeit verreiste, dass sich sein Sohn beim Spielen über das Treppengeländer lehnte. Dies nutzte die böse Stiefmutter aus und stieß den Jungen in die Tiefe. Das Kind fiel auf den Steinfußboden und blieb tot in einer Blutlache liegen. Die Frau fing laut an zu Wehklagen und das Gesinde kam herbeigelaufen, sah das Unglück und bedauerte die Stiefmutter. Glaubten doch alle, dass Kind sei beim Spielen über das Geländer gefallen. Auf dem Kirchhof wurde das Kind neben seiner Mutter beerdigt.

Obwohl ein Bote dem Kaufmann nachgeschickt wurde, kam dieser erst zwei Wochen nach dem Unglück in Korbach an. Er war sehr traurig und machte seiner Frau schwere Vorwürfe. Diese hatte unterdessen versucht, mit Scheuern und Putzen die Blutreste von den Steinplatten zu entfernen. Doch alle Mühen waren vergeblich. In seiner Trauer bemerkte der Mann hiervon nichts. Doch das Gesinde hatte darauf geachtet und erzählte davon in der Stadt.

Eines Nachts erwachte der Kaufmann und bemerkte, dass seine Frau nicht im Schlafzimmer war. Da ging er hinaus und sah, dass seine Frau knieend im Flur die Steinplatten scheuerte. Doch je heftiger sie scheuerte um so leuchtender wurden die Blutspuren. Als der Kaufmann die Frau ansprach, schrie sie laut auf, brach weinend zusammen und gestand ihre schreckliche Tat. Der Mann sprach zu ihr "Du hast den Tod verdient" und ließ sie bei lebendigen Leibe im Keller einmauern.

Seitdem sah man um Mitternacht oft eine weiße Frauengestalt auf dem Steinboden knien und die Platten scheuern. Dies war wohl die böse Frau, die in ihrem Grab nicht eher ruhen konnte, bis die Blutspuren von den Steinen getilgt waren.

Vor dem zweiten Weltkrieg sah man die weiße Frau noch. Dann wurden die alten Steinplatten herausgebrochen und durch einen neuen Bodenbelag ersetzt. Seitdem wurde die weiße Frau nicht mehr gesehen. Im untersten Keller befindet sich noch heute ein verschütteter Gang. Dieser soll zu der Stelle geführt haben, an der einst die böse Frau eingemauert wurde.

Letzte Änderung amMittwoch, 07 Oktober 2015 11:08
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