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Was übrig blieb, waren Feldpostbriefe und ein Foto

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Karl Schwalenstöcker hat seine Heimat nie wieder gesehen (Foto:Rohde) Karl Schwalenstöcker hat seine Heimat nie wieder gesehen (Foto:Rohde)

KORBACH. Als am 6. Juni 1944 die alliierte Landung in der Normadie realisiert wurde, ahnte damals niemand in Frankreich oder Deutschland, dass die Städte Avranches und Korbach eine Partnerschaft eingehen würden. Diese Geschichte soll Mahnung an die Lebenden sein, jeden Krieg zu vermeinden.

Wir berichten heute von Karl Schwalenstöcker, der bei der 355. Infantere-Division in Russland und Südfrankreich eingesetzt wurde. Der gebürtige Flechtdorfer war Landwirt und liebte seine Waldecker Heimat über alles. Geboren wurde er in Flechtdorf am 5. Juni 1909. Seine Eltern waren früh gestorben, die Schwester bereits mit 21 Jahren der Tuberkolose erlegen, musste der Soldat Schwalenstöcker seine einzige Verwandte, die Marie Schwalenstöcker auf dem heimischen Hof zurück lassen, als er in den Krieg zog.

Bis zu ihrem Tode am 21.07.1980 hat Marie Schwalenstöcker jeden Tag auf die Rückkehr ihres Neffen gewartet. Vergeblich. Er hat in Frankreichs Erde seine letzte Ruhe gefunden. Der Hanseredaktion liegen einige seiner Feldpostbriefe vor:

Frankreich, März 1943

"Liebste Tante, wir sind nun der 355. ID unterstellt und werden in Kürze nach Osten verlegt. Jetzt im Mai soll das Wetter in Russland nicht mehr sonderlich kalt sein. Die Kameradschaft ist nach wie vor gut, über die Verpflegung können wir uns auch nicht beklagen, es gibt reichlich Fleisch und gute Suppe. Wie geht es auf dem Hof voran? Hat die Sau schon geferkelt und wie viel Fickel hat sie geworfen? Ich hörte von anderen Landwirten in meiner Einheit, das polnische und französische  Erntehelfer eingesetzt werden. Du musst das glaube ich, bei der Behörde beantragen. Wie sonst willst du das Heu, Kartoffeln  und Getreide gut nach Hause bringen. Allein wirst du es nicht schaffen. Mein  Antrag auf Urlaub wurde abgelehnt, ich werde also nicht zur Ernte helfen können. Es grüsst dich ganz herzlich dein Neffe Karl."

Russland, November 1943

"Liebste Tante, verzeih mir die lange Schreibpause, aber wir sind seit der Verlegung zur 1. Panzerarmee nach Russland nicht mehr aus den Stiefeln gekommen. An Schreiben war daher nicht zu denken. Viele meiner Kameraden sind nicht mehr unter uns. Bei Charkow und Merefa haben uns die Russen im Oktober übel zugesetzt. Mit Mühe und Not und mit Gottes Hilfe habe ich überlebt. Deine Briefe habe ich erhalten. Schön dass du nun Hilfe hast und die Ernte einbringen konntest. Ach wie gern hätte ich das Erntedankfest und den Gottesdienst in Flechtdorf erlebt.  Aber, liebste Tante, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Einen Urlaubsantrag habe ich gestellt, der Kompaniefeldwebel sagte mir, es sieht gut aus mit einem Urlaub, wenn nichts Unvorhergesehenes dazu kommt. Man munkelt, dass die Reste unserer Division bald nach Deutschland verlegt werden, genaueres weiss man aber nicht. Wenn ich nur endlich aus diesem verdammten Russland weg käme. Liebe Grüße, dein Karl"

Sennelager, Dezember 1943

"Liebste Tante, nun ist der Urlaub vorbei. Ich habe die Zeit mit dir sehr genossen. Endlich konnte ich mich mal wieder richtig im Kessel baden und in einem frisch bezogenen Bett schlafen. Ich  habe einige Pfunde dank deiner Pflege  zugelegt. Das merke ich daran, dass das Koppelschloss verstellt werden musste.  Danke dir auch für das Reinigen und Flicken von  Kleidung und Waffenrock. Als ich in der Zeitung die vielen Todesanzeigen gelesen habe, musste ich mit den Tränen kämpfen, so viele meiner Schulkameraden und Freunde sind gefallen.  Wir sind unweit von Paderborn im Sennelager untergebracht und werden derzeit aufgefrischt. Die junge Kerle kommen von der Grundausbildung und haben keinerlei Kriegserfahrung, was soll nur aus ihnen werden, wenn sie im Feuer stehen? Hoffentlich steht ihnen der liebe Gott bei. Sobald ich neues erfahre schreibe ich dir. Bis dahin sei allerliebst gegrüßt von deinem Karl."

Nordfrankreich, Februar 1944

"Liebste Tante, wir haben nun eine neue Feldpostnummer und sind auf dem Weg nach Südfrankreich unterwegs. Unterstellt sind wir der 84. Infanterie-Division und gehören nun zum Grenadier-Regiment 1022. Mein nächster Brief erreicht dich also von der Atlantikküste. Welche Aufgaben uns dort erwarten, wissen wir nicht, die Gerüchteküche kocht aber fleissig weiter. Meine Verwundung habe ich gut überstanden und ich bin froh, dass ich das Lazarett verlassen konnte. Zu viel Leid und Elend habe ich dort gesehen. Sobald ich näheres erfahre, werde ich es dich wissen lassen. Herzlichen Dank noch einmal für das Paket, ich habe den Inhalt mit meinen Kameraden geteilt. Grüße in die Heimat. Dein Karl"

Frankreich, Juni 1944

"Liebe Tante, nach schweren Kämpfen in den vergangenen Tagen, sind wir auf dem Rückzug in der Festungs und Hafenstadt Cherbourg stationiert. Wie es weiter geht, wissen wir nicht. Die Amerikaner rücken mit erheblichem Aufwand gegen unsere Stellungen vor. Auf Befehl des Führers müssen wir die Festung Cherbourg bis zum letzten Mann halten. Eine Kapitulation lehnt unser General ( Karl-Wilhelm von Schlieben) ab. Viel Zeit zum Schreiben bleibt mir nicht, daher nur diese kurzen Worte in die Heimat. So Gott will, sehen wir uns hoffentlich bald wieder. Karl"

Dieser letzten Brief von dem Gefreiten Karl Schwalenstöcker kam im Juli 1944 in Flechtdorf an. Seine Division wurde am 20. August im Kessel von Falaise restlos vernichtet. Der Soldat Karl Schwalenstöcker ist am 15. Juni 1944 in Cherbourg-Peninsula gefallen und auf dem  Sodatenfriedhof Orglandes-Manche beigesetzt worden. Sein Grab steht im Block 6, Reihe 5, Nummer 177. Er wurde 35 Jahre alt.

Sein Waldecker Land hat er nie wieder gesehen…

Letzte Änderung amSamstag, 05 Oktober 2013 06:47
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